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Bei meiner letzten Expedition wurde ich von Leuten angesprochen, die meine Reportage in OFF ROAD über den Verlust eines von zwei Fahrzeugen im Erg du Ténéré in der obengenannten Zeitschrift gelesen hatten.
Sie haben sich gewundert, das dabei die Strecke und die Schwierigkeiten nicht beschrieben waren.
Ich mußte immer wieder erklären, das meine Reportage von der Redaktion gegen mein Verbot eigenmächtig geändert und abgedruckt wurde.
Das Honorar wurde  bis jetzt nicht überwiesen.

Damit  jeder auf den ersten Blick sieht, was die Redaktion aus meiner Reportage gestrichen hat,  sind die fehlenden Passagen fett gedruckt.


Erg du Ténéré N 17 09 27, E 10 47 77. Wir haben ein Problem.

Der Blick war umwerfend. Rings herum nur Dünen bis zum Horizont. Zwischen ihnen eine Reihe von Tälern, die sich Richtung SW ziehen und lange Dünenketten bilden. Nach den Sandbewegungen in den letzten Jahren sind manche Täler mit jungem Sand ausgefüllt, so das sie unbefahrbar sind.
Klaus Daerr, der Herausgeber des Buches “Durch Afrika” beschreibt den Erg du Ténéré so: “Vorsicht, die Karawanenroute Termit Ouest – Fachi durch den Erg du Ténéré ist für Fahrzeuge nicht passierbar.”
Und wir sind in der Mitte von diesem Erg.
Wir queren den Grand Erg de Bilma und den Erg du Ténéré von Tenga Tenga zum Termit Nord.
Die Täler sind auf beiden Seiten mit hundertmeterhohen Dünen flankiert.
Die Leeseite ist durch weiche, elegante Sandformationen zerklüftet. Unten im Tal sind tiefe, mit Sand bedeckte und darum nicht erkennbare “Bassins” die mit unbefahrbarem Gips ausgefüllt und ohne Bleche nicht zu überwinden sind. 
Wir fahren in eleganter Schieflage auf der glatten Luvseite. Auch sie ist mit weichem Sand bedeckt so dass sie nur in Wellenlinien befahrbar ist.
Die Technik ist einfach. Dort, wo der Sand trägt und die Reifen genug Traktion haben, fahren wir bergauf, damit wir Höhe gewinnen und dort, wo er so weich ist, das wir die Autos “einpflanzen” würden, müssen wir in Richtung Tal fahren damit wir das Gefälle zum Durchbaggern der Weichpassagen ausnützen. Wir hinterlassen Spuren wie Tiefschneefahrer, nur führen unsere Spuren nicht bergab sondern längst der Dünen.
Auf unserer Route gibt es an die 40 Dünenketten, die wir überqueren müssen.
Wir suchen einen Übergang zum Springen in das nächste Tal. Ich fahre den Dritten mit Untersetzung. Der Motor ist auf 3.000 Umdrehungen. Zu hoch, aber anders geht’s nicht.
Momentan geht es noch nach oben, aber dann beginnen die Reifen im tiefer gewordenen Sand zu graben und die Motorumdrehungen nach unten zu fallen: 1500, 1200, 1000. Ich drehe das Lenkrad links ins Tal. Die Umdrehungen steigen und der Wagen gewinnt an Geschwindigkeit.
”Da kannst du rauf”, sagt mein Beifahrer. Ich versuche den Wagen so rechts nach oben zu kriegen, das er nicht mit den Talrädern verkantet und das Spiel beginnt von neuem. Beim jedem Manöver neigt sich der Wagen zur Seite. Wir sind für die Überquerung von Dirkou über Bilma, Tengatenga, Gosso Lolom Bo, Termit  nach Zinder schwer beladen. In jedem der beiden Fahrzeuge sind 3 Personen. Das ist das Minimum um zügig Sandbleche legen zu können. Und alle beherrschen ihr Metier. Alle haben mehrmalig die schwierigsten Touren wie Erg Chech per Grizzim und Terhazza und etliche Überquerungen zwischen Mauretanien und Tschad hinter sich.
Ich habe die Strecken Termit – Fachi direkt, Termit – Zoo Baba, Termit - Dibella, Termit – Bilmapiste, in beiden Richtungen früher schon etliche Male gemacht.
Es waren immer schwierige Überquerungen.
Aber diesmal ist es noch schwieriger. Denn ab 1992 kam es zu gravierenden Änderungen. Gigantische Massen von Sand haben sich verlagert. Die Zwischenflächen in den großen Ergs sind wieder bis zum Boden abgeweht und der junge Sand breitet sich in anderen Gebieten aus. Die Dünen bewegen sich hier angeblich um ca. 5 Meter pro Jahr.
Der Sand, der jahrelang ohne größere Verlagerungen das Relief des Terrains geformt hat, verlagert sich durch stärker gewordene Winde. Einerseits bezieht er die alten Dünen mit jungen weichen Sand, anderseits bildet er in den Zwischenflächen neue schwer befahrbare Strukturen.
Und wir sind dabei dieses Gebiet von Bilma direkt zum Termit Nord zu Überqueren.
Gekommen sind wir durch Tunesien und Algerien. Südlich von El Oued sind wir in den Grand Erg Oriental hineingefahren.
Die Mannschaft fährt abwechselnd den zweiten Wagen. So werden die Teilnehmer zu exzellenten Saharafahrern, die jede Situation im Griff haben.
Außerdem macht die Expedition den Teilnehmern mehr Spaß, wenn sie abwechselnd selber hinter dem Lenkrad sitzen.
Die Grenzen sind momentan nur eine höfliche Formalität und eine Registrierung der Personen und der Fahrzeuge. Die Polizei, Gendarmerie und das Militär in Algerien sind wirklich dein Freund und Helfer.
Im Niger ist es auch so. Mit der Ausnahme, dass alles etwas kostet, was eigentlich in Ordnung ist. In Chirfa wird nur gestempelt mit dem Hinweis sich in Dirkou zu melden. Dort werden alle Formalitäten wie, laissez passer für das Auto (250 FF pro Auto) (statt Carnet) und eine Straßenbenützungsgebühr von 40 FF pro Auto erledigt.
Das laissez passer ist für die Ausreise in Assamaka nötig.
Lästig ist nur das Feuille de Route, ohne das man nicht weiterkommt. Es wird bei der Kontrolle in Bilma, Agadez und Iférouane verlangt. Das Feuille de Route kriegt man nur gegen Bezahlung und angeblich nur mit Führer. Führergebühren kommen noch dazu. Und die Führer aus verschiedenen Agencen passen schon auf, dass ihnen kein Tourist entkommt.
Auf uns hat einer einen Vertreter der Stadtverwaltung gehetzt und dieser hat uns beim Tanken bei Jerome erwischt. Ich ließ mir keinen Führer aufschwatzen und bezahlte 350 FF für das Dokument, wo ich selbst als Führer eingetragen wurde. Als Rache, das ich den Führer abgelehnt hatte, haben uns die Führer bis nach in Bilma verfolgt und uns wieder einen Stadtverwalter auf den Hals gehetzt. Wir mussten 25 FF pro Person und Tag wegen des Aufenthalts in Bilma, so eine Art von Kurtaxe bezahlen, obwohl wir nur durchgefahren sind.  
Dann befinden wir uns endlich in den Dünen.
Das Fahren bietet alle Varianten des Sandfahrens. Dünenüberquerungen, Auffahrten, Abfahrten, Ausgraben, längere Abschnitte “durchblechen” also eine Autostrada aus Sandblechen legen um ultraweiche Passagen zu überwinden.
Wir liegen gut in der Zeit und der Krater Gosso Lolom Bo, der sich in der Nähe vom Termit Nord befindet, ist zum Greifen nahe.
Aber den 4 Tag im Erg reißt meine linke Hinterachse ab und rutscht raus; glücklicherweise nicht bei einer Dünenabfahrt.
Wir sichern das Fahrzeug und bocken es auf. Hias stellt fest, dass das Ende der Halbachse abgebrochen ist, dort wo die Sicherung die Achse im Differential hält.
Dann schweißt er das abgebrochene Stück an.
Es ist eine Notoperation, weil die Halbachse nicht genügend durchgewärmt wird, so das die Festigkeit der Schweißnaht nicht erreicht werden kann. Wir montieren die reparierte Achse dennoch.
Unsere Entfernung von der Piste Arbre de Ténéré beträgt 90 Km Luftlinie, also soviel wie zum Termit Nord. Aber die Agadezpiste wird von Zeit zu Zeit von Touristen und schweren Lkws befahren. Auf ihr ist das Erreichen von Agadez sicherer. Vom Termit Nord, wo es wenn überhaupt, nur ein paar Tubus gibt, sind es nach Zinder immerhin noch ca. 450 Kilometer auf einer spärlich befahrenen Piste.
Also werden wir zur Agadezpiste fahren.
Nach 16 Kilometern sehe ich im Rückspiegel wie die linke Halbachse mit dem Rad aus dem Differential herauswandert und bringe den Wagen zum Stehen.
Das Rad hat sich unter der Kanisterhalterung verklemmt und hat das Umkippen des Wagens verhindert.
Jetzt ist es nicht mehr zu Reparieren. Das Auto ist verloren. Wir müssen es hier stehen lassen und versuchen alle sechs in einem Auto in Sicherheit zu kommen.
Es ist jetzt kurz vor Sonnenuntergang und wir fangen sofort an mit den Vorbereitungen für die morgige Abfahrt. Wir sortieren die Verpflegung und packen um. Am nächsten Morgen beladen wir das intakte Fahrzeug mit unseren Sachen. Einem Teil des Wassers, Sprit, Verpflegung und Material müssen wir im kaputten Wagen zurück lassen. Wir klemmen die Batterie ab und lassen den Zündschlüssel im offenen Wagen stecken. Dann kommt das Wichtigste. Wir schreiben unsere Namen, Datum und Ort der Einreise in den Niger, das heutige Datum und das wir mit den zweiten Wagen Agadez erreichen wollen auf ein Stück Pappe und klemmen die Papptafel hinter die Windschutzscheibe.
Dann fahren wir weg.
Zu sechst im Fahrzeug fahren wir durch das Dünenmeer und versuchen den Kurs zu halten.
Wir befinden uns immer noch im schwer befahrbaren Sandgebiet. Es wiederholt sich das, was wir schon etliche Tage gemacht hatten: Durchgänge suchen, Bleche legen.
Am Abend haben wir 95 Fahrkilometer hinter uns. Luftlinie haben wir dabei aber erst ein Drittel von den insgesamt 90 Kilometer geschafft, die wir zur Piste bewältigen müssen.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Sonnenaufgang weiter und erblicken den Amzeguer, einen Berg an der Agadezpiste. Aber der direkte Weg ist durch unbefahrbare Dünen gesperrt. Wir weichen aus zum Adrar Yaouelt, den wir wegen dem steinigen Gelände umfahren müssen. Dann erreichen wir Spuren, die vom Termit nach Fachi führen und die den Erg du Ténéré großräumig umfahren. In diesen fahren wir einige Kilometer Richtung SW, bis wir das Oued Oufaguédout erreichen. Das ist zwar länger, aber wir wollen nicht im steinigen Gelände, das direkt zum Azemguer führt, einen Federbruch bei einen so überladenen Fahrzeug riskieren.
Im weichen Oued kommen wir dann vor Azelik
auf die Agadezpiste. Es erwartet uns noch eine Nacht in der Pampa. Wir veranstalten einen Waschabend, weil es nicht mehr nötig ist mit so großen Wasserreserven herumzufahren.
Den dritten Tag nach dem Verlassen des ersten Autos in den Dünen erreichen wir das Hotel AIR in Agadez.
Damit wurde das wichtigste Problem gelöst. Wir sind in Sicherheit. Jetzt kam das Problem Nummer zwei: das verlassene Auto.
Es kann nicht aus den Dünen herausgeschleppt werden. Es kann auch nicht verladen werden, weil kein LKW durch das Dünengebiet fahren kann. Die einzige mögliche Rettung ist eine neue komplette Hinterachse die an Ort ausgewechselt wird. Die ist in Agadez leicht aufzutreiben, denn alle Agenturen und alle Führer fahren Toyotas HDJ 60 oder 61. Weiter braucht man für die Suche nach dem verlassenen Fahrzeug aus Sicherheitsgründen zwei Autos, die in das Dünengebiet hineinfahren. Das dauert zwei Tage. Einen Tag dauert die Montage der Hinterachse und dann wieder zwei Tage die Rückfahrt nach Agadez.
Also, insgesamt 2 Fahrzeuge für 5 Tage.
Dazu eine komplette Hinterachse. Die Kosten für die ganze Aktion würden ca. 16.000 FF betragen.
Aber dazu fehlt uns die Zeit.
Heute ist Freitag und in drei Tagen müssen Heidi, Hias und Klaus den Rückflug im 1.000 Kilometer entfernten Niamey antreten. Und dort sollen wir auch Beate abholen.
Die Entscheidung fällt mir leicht.
Vor dem Hotel haben sich etliche Menschen angesammelt, wie immer, wenn neue Touristen kommen. Verkäufer, Bettler und mein alter Bekannter Achmed.
Ich erzähle, dass ich ein Auto mit kompletter Ausrüstung, 6 neuen Reifen, Zargesboxen mit Material, Verpflegung und Ausrüstung aber mit kaputter Hinterachse in den Dünen stehen ließ. Wie erwartet verbreitet sich diese Nachricht in der ganzen Stadt in Windeseile. Schon am Nachmittag beginnen die ersten Verhandlungen. Am späten Nachmittag habe ich das Geld in der Tasche, obwohl niemand das Auto je gesehen hat. Wir beschreiben dem Tuaregführer, der das Auto finden soll, den Weg. Er will das Auto nach unseren Spuren finden. Ich sage ihm, das er in unseren Spuren nicht zurückfahren kann.  Einige Abfahrten sind so steil, lang und weich, dass kein Fahrzeug rauffahren kann. Er müsste um die Dünen herumfahren und dann den Anschluss an unsere Spuren von neuem suchen. Wir leihen ihm unser GPS das mit dem Pfeil die genaue Position des Autos inklusive der aktuellen Entfernung zeigt.
Als wir nach sechs Tagen von Niamey nach Agadez zurückkommen, sind wir gefeierte Helden. Nicht, weil wir mit einem Auto aus dem Erg herausgekommen sind, sondern das wir ein Auto, das niemand gesehen hat verkauft haben. Und dazu ist El Hadj, der Chef der Agentur Dunes Voyages, mit dem Kauf sehr zufrieden. Er sagt, dass ich jetzt sein Bruder bin, nicht nur weil alles gestimmt hat, sondern weil in dem Auto noch mehr war, als ich erzählt hatte. Dann hat er uns aufgefordert uns aus unseren ehemaligen Kisten noch Verpflegung auszusuchen.
Am Ende hat er mir noch ein Auto mit Führer angeboten. Es sollte uns durchs Air begleiten, damit wir sicher durchkommen, weil wir jetzt nur noch ein Fahrzeug hatten.
Das habe ich dankend abgelehnt. Am nächsten Tag haben wir Agadez verlassen. Wir fuhren über Timia, Iférouane, Assamaka, Tam, Djanet, Adrar Hagarhene, Erg Tifarnine, Bordj Omar Driss nach Tunis zum Schiff.
Gleich nach der Ankunft in München habe ich angefangen nach einem Toyota als Ersatz für den verlorenen Wagen zu suchen.
Denn die nächste Runde über den Erg Chech, Terhazza, Timbuktu nach Niamey und über Termit, Bilma und Djanet nach Tunis steht fest.